Geballte Brandschutzkompetenz in Dresden: 15. EIPOS-Sachverständigentagen Brandschutz 2014

Mit einem symbolischen Feuer der Windriders des Helmnot-Theaters wurden am 24. November die 15. EIPOS-Sachverständigentage Brandschutz in Dresden eröffnet.

Der seit 2000 jährlich durchgeführte Kongress stand in diesem Jahr unter der Schirmherr-schhaft des sächsischen Innenministers Markus Ulbig. 650 Brandschutzexperten aus Deutschland und dem europäischen Ausland zog es zur zweitägigen wissenschaftlichen Fachtagung in die Elbmetropole.



Das Tagungsprogramm bot vielfältige Fachvorträge am Puls der Zeit zu aktuellen Fragestellungen aus der Brandschutzfachplanung und Umsetzung. Sachkundige Referenten beleuchteten neue Entwicklungen und Anwendungsmöglichkeiten ingenieurgemäßer Nachweisverfahren. Themenschwerpunkt waren zudem die Fachbauleitung Brandschutz, Haftungsfragen und die Verwendung von Bauprodukten im Zusammenhang mit der europäischen Harmonisierung. Da die Komplexität der Bauvorhaben immer weiter zunimmt, spielen das Zusammenwirken sicherheitstechnischer Systeme und Schnittstellen zu anderen Bereichen des Bauwesens eine zunehmend große Rolle. Daher stand das Thema Brandschutz im Passivhaus auf der Agenda. Auch die Auswirkungen des demografischen Wandels in Bezug auf die Leistungsfähigkeit von Feuerwehren wurden diskutiert. Im Fokus der Fachdiskussionen blieb bei allen Themen immer der Umgang bzw. die Anwendung und Umsetzung in der Praxis.



Der Wissens- und Erfahrungsaustausch fand nicht nur bei den Vorträgen, sondern auch in der tagungsbegleitenden Fachausstellung statt, in der 62 führende Hersteller und Dienstleister der Brandschutzbranche neue Trends und Produkte präsentierten.

 

Neben der Fachtagung trafen sich viele Teilnehmer auch am Abend des ersten Veranstalt-ungstages  zu einem gemütlichen Beisammensein im Gewölberestaurant „Sophienkeller“ und ließen dort in lockerer Runde bei zünftigem Essen und netten Gesprächen den Abend ausklingen.

 

Alles in allem: Eine Fachtagung mit hohem Stellenwert für die Branche, mit Neuem und Wissenswertem und einem intensiven Erfahrungsaustausch der Brandschutzexperten Deutschlands. Dies betonte auch
Prof.
Dr.-Ing. habil. Hans Müller-Steinhagen, Rektor der Technischen Universität Dresden, in seiner Eröffnungsrede. Das Fazit des Veranstalters EIPOS für die 15. EIPOS-Sachverständigentage war ebenso positiv: „Unsere Erwartungen wurden voll erfüllt. Die EIPOS-Sachverständigentage Brandschutz sind eine wichtige Informations- und Dialogplattform auf Entscheider- und Expertenebene.
Speziell die Brandschutzbranche, die in letzter Zeit immer wieder mit problematischen Großbauprojekten in Zusammenhang gebracht wird, braucht das lebendige Miteinander aller Beteiligten.“, so Sabine Schönherr, Leiterin der Produktgruppe EIPOS-Brandschutz.

Tagung und Fachbeiträge im Detail

Quo Vadis: Brandschutzingenieurmethoden – lautete eine Fragestellung des ersten Tages der 15. EIPOS-Sachverständigentage Brandschutz“.

Dipl.-Ing. Georg Spennes, staatl. anerk. Sachverständiger für die Prüfung des Brand-schutzes, BFT-Cognos, Aachen bot mit seinem Beitrag eine gute Grundlage für den interdiszi-plinären Diskurs zum aktuellen Stand der Ingenieurmethoden im Brandschutz in Deutschland. Er betrachtete Erfahrungen aus den Anwendungen und hob hervor, dass es einer Verankerung der bereits in der Praxis zur Verfügung stehenden und angewendeten Werkzeuge bedarf – insbesondere der Simulationsmodelle und Programme. Denn gibt es keine Regeln, besteht die Gefahr, dass von den Anwendern unbewusst eine Vielzahl von Fehlern gemacht wird. In Abhängigkeit ihrer Stärken und Schwächen sind die Einsatzgebiete der einzelnen Modelle bzw. Verfahren festzulegen.

Im nachfolgenden Vortrag konkretisierte Prof. Dr.-Ing. Frank Riesner, Prüfingenieur für Brandschutz, dies für Anwendungsbereich Rauch und zeigte die aktuell regelkonformen Möglichkeiten der Nachweisführungen auf, um die Verrauchung von Räumen abzuschätzen und um die Temperaturbeaufschlagungvon Bauteilen im Brandfall für den Tragwerksplaner zu ermitteln. Dabei ging er speziell auf die Anforderungen an den Brandschutzplaner und Prüfingenieur ein, die bei der Anwendung von Ingenieurmethoden bestehen. Anhand von Praxisbeispielen wurden verschiedene Nachweismethoden sowie deren Vor- und Nachteile und Belastbarkeit aufgezeigt.

Den Anwendungsbereich Evakuierung betrachtete im Anschluss daran Dr.-Ing. Gerd Geburtig, Prüfingenieur für Brandschutz. Sein Fazit: Mit modernen Simulationsrechnungen können in der Praxis vorkommende realistische Abläufe verständlich nachvollzogen werden, wenn  die tatsächlichen Rahmenbedingungen sorgfältig ermittelt werden und bei der Auswahl der  Ingenieurmethode  das jeweilige Schutzziel, das dazugehörige Akzeptanzkriterium und die dazu erforderlichen Messungsszenarien präzise identifiziert und mit den genehmigenden Behörden bzw. dem Prüfingenieur für Brandschutz abgestimmt werden. In Abhängigkeit von der Mobilität der betrachteten Personengruppen sollte ein Sicherheitsfaktor für die simulierten Gehzeiten berücksichtigt werden. Zudem können durch Evakuierungsübungen die Ergebnisse der Evakuierungsberechnungen verifiziert werden. Plausibilitätsprüfungen müssen ermöglicht werden. Die dafür notwendige Normung befindet sich derzeit in Erarbeitung.



Das Passivhaus ist das Gebäude der Zukunft und ein wesentlicher Baustein der Energiewende. Aber lässt es sich schon heute auch brandschutztechnisch sicher bauen? Dieser Frage ging Dipl.-Ing. Burkhardt Borchert, Prüfingenieur für Brandschutz und Standsicherheit, zum einen aus Sicht eines Brandschützers und zum anderen aus Sicht eines Bauherrn nach. Zusammenfassend stellte er heraus, das die mit Passivhäusern verbundenden brandschutztechnischen Fragestellungen lösbar sind, wenn die bauordnungsrechtlichen Anforderungen genau betrachtet werden – was ist möglich, nötig und sinnvoll – sowie die Anwendung neuer Materialien oder neuer Zusammenstellungen bekannter Materialien kritisch untersucht werden. Ebenso muss bei der Brandbekämpfung der Wirkungen der dichten Gebäudehülle und Bauweise der Wände Rechnung getragen werden.


Einem ganz anderen Themenbereich widmete sich der Vortrag von Ltd. Stadtdirektor Ing. Andreas Rümpel, Amtsleiter Brand- und Katastrophenschutz der Stadt Dresden.  Wie sieht es mit der Leistungsfähigkeit der Feuerwehren in Zukunft aus und welche Auswirkungen hat dies auf den vorbeugenden Brandschutz. Angesichts des demographischen Wandels und Bevölkerungsrückgangs in vielen ländlichen Gebieten sind geeignete Steuerungselemente zu entwickeln, um zukünftig die Einsatzbereitschaft der Feuerwehr zu erhalten und in Brandschutz- und Feuerwehreinsatzkonzepten entsprechend zu berücksichtigen.



Das Dauerbrenner-Thema: Fehlerhafte Ausführung von Brandschutzmaßnahmen untersuchte Michael Juch, HAHN Consult, in seinem Vortrag und betonte dabei die Notwendigkeit der genauen vertraglichen Festlegung des Leistungsumfangs und der Aufgabenstellung der Objektüberwachung und der Schnittstellen zu anderen Sachverständigen, die aus seiner Sicht entscheidend für den Projektverlauf sind. Zudem hat es sich insbesondere bei Großprojekten bewährt, für die verschiedenen Ausführungsbereiche bereits in der Planungsphase detailliertere Vorgaben auszuarbeiten und festzulegen. Dies gilt z. B. für die Verlegung von Leitungen und die Ausführung von Abschottungen. Im Hinblick auf das Mängelmanagement sollten auch die jeweiligen Bauleiter in der Mängelabarbeitung bereits in die Nachverfolgung und damit die Freimeldung der dokumentierten Mängel einbezogen werden.



Wie nun aber die Leistung „Fachbauleitung Brandschutz“ richtig anbieten und die Verträge sicher gestalten? – das war das Thema für den nachfolgenden Vortrag von RA Dr. jur. Till Fischer, Rechtsanwalt für Brandschutz- und Sicherheitsrecht. Da es das Leistungsbild Brandschutz auf normativer Ebene nicht gibt, ist es in der Regel eine ganz individuelle und komplexe Leistung. Der Leistungskatalog der AHO-Fachkommission stellt aus seiner Sicht ein wertvolles Instrument für den objektüberwachenden Ingenieur / Architekten dar, um seinen Leistungsumfang zu definieren. Jedoch gilt auch hier der Grundsatz, dass der konkrete Leistungsinhalt anhand der Umstände des Einzelfalls zu bestimmen ist. Insofern sollte nie der Fehler begangen werden, die Wahl der konkreten Überwachungsleistungen dem Auftraggeber zu überlassen. Denn hier liegt das größte Haftungsrisiko für den Auftragnehmer: Er schuldet nämlich nach den Grundsätzen des Werkvertragsrechts den Erfolg. Anhand zahlreicher Beispiele und möglicher Vertragsklauseln gab Dr. Fischer eine Vielzahl praktischer Hinweise.


Noch immer besteht Unsicherheit in der Anwendung Europäischer Verwendbarkeitsnachweise. War es oder wird es besser? Einen interessanten Vergleich dazu zog Dipl.-Ing. Manfred Lippe, öbuv Sachverständiger für baulichen und anlagentechnischen Brandschutz, für den Bereich Bauprodukte für Kabel- und Rohrabschottungen. Er fand in seinem Fazit treffende Worte: „Besser ist m. E. europäisch nicht, aber ganz anders. Wir müssen aktiv lernen und uns positiv dem „Neuen“ öffnen. Das „Neue“ ist allerdings schon da.“ Für alle am Brandschutz Beteiligten, ist es daher zwingend notwendig sich mit den Europäischen Verwendbarkeitsnachweisen detailliert auseinanderzusetzen. Auch wenn es wahrscheinlich dauern wird bis alle die Anforderungen verinnerlicht haben.



Warum war früher nicht alles besser? Unter diesem Blickwinkel betrachtete Dipl.-Ing. (FH) Peter Vogelsang, staatl. anerkannter Sachverständiger für Lüftungsanlagen, RWA-Anlagen und CO-Warnanlagen die Thematik von Bauprodukten für Brandschutzklappen. Er erläuterte sehr anschaulich und nachvollziehbar das kompliziert erscheinende System der Verwendung und Dokumentation sowie die zulässigen unterschiedlichen Verfahrenswege, wenn beim Einbau von Brandschutzklappen von den Vorgaben abgewichen wird.



Rauch- und Brandversuche – geeignete Mittel zum Nachweis der Erfüllung der Schutzziele? Dies stellt aktuell auch ein viel diskutiertes Thema dar. Dipl.-Ing. Bernd Konrath, Geschäftsführender Gesellschafter I.F.I. Aachen, stellte mit seinem Beitrag verschiedene Methoden zur realistischen Simulation von Schadenfeuern in Gebäuden, Tiefgaragen und Tunneln zur Inbetrieb- und Abnahme von Entrauchungsanlagen vor. Aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung bei der Durchführung solcher Brandrauchversuche konnte er mögliche methodische Fehlerquellen und Erkenntnisse bei durchgeführten Brandversuchen vorstellen und die Vor- und Nachteile verschiedener Methoden herausarbeiten.



Die Praxis zeigt es, dass Brandschutzkonzepte „einfach ausgehebelt“ werden können, weil spezifische Brandgefahren nicht berücksichtigt wurden und damit in die Planung von Brandschutzmaßnahmen keinen Eingang finden. Am Beispiel der Brandgefährdung in der Verarbeitung und Lagerung von Lithium-Batterien stellte Lars-Oliver Laschinsky, Fachlehrer im technischen Ausbildungsdienst, die erforderliche Ermittlung einer betriebsspezifischen Brandgefährdung mittels einer Gefährdungsbeurteilung sowie die Bewertung dieser Besonderheiten und die Konzeption eines risikoorientierten Brandschutzes dar.



Auch Beispielprojekte fehlten bei der diesjährigen Tagung natürlich nicht. Dipl.-Ing. Architekt Andreas Flock, Sachverständiger für Brandschutz thematisierte den Brandschutz im „ungeliebten“ Baudenkmal bei Bauten der 50er und 60er Jahre. Die brandschutztechnische Merkmale dieser oft nüchtern anmutenden Gebäude mit meist streng rationalen Grundrissen sind besonders die nur mit unterseitigen Rabitz-Decken erreichte Feuerwiderstandsfähigkeit der strukturierten Geschossdecken sowie asbesthaltig bekleidete Stahltragwerke. Die oft ausladenden, sich zu Hallen erweiternden Trep-penräume werden nicht selten schon seit Jahrzehnten für Empfänge und Ausstellungen genutzt, ohne dass dies von der Genehmigung gedeckt wäre. Herr Flock zeigte deshalb an Beispielgebäuden drei Ansätze auf, wie für unterschiedliche Nutzungen maßgeschneiderte Konzepte entstehen.


Hier finden Sie den Videobeitrag zur Veranstaltung!