Hier finden Sie den Videobeitrag zur Veranstaltung!

Geballte Brandschutzkompetenz in Dresden: 16. EIPOS-Sachverständigentagen Brandschutz 2015

Der sächsische Innenminister Markus Ulbig eröffnete die 16. EIPOS-Sachverständigentage Brandschutz im Internationalen Congress Center in Dresden vor 730 Teilnehmern aus dem In- und Ausland.

Als Vorsitzender der Bauministerkonferenz schätzt er beim Thema Brandschutz insbesondere das miteinander und nicht übereinander reden.

Er betont, dass für jeden Architekten, Ingenieur und Techniker im Brandschutz die Weiterbildung ein absolutes Muss ist und die „Wissensschmiede EIPOS“ hierbei in den letzten Jahren eine wichtige Position eingenommen hat.

Der zweitägige Fachkongress bot wiederum einen interessanten Themenmix aus dem gesamten Spektrum des Brandschutzes und reichlich Diskussionsstoff nicht nur für die Pausen sondern auch die Berufspraxis – so die Einschätzung vieler Kongress-teilnehmer. So wurden nicht nur neue anlagentechnische und konzeptionelle Brandschutzlösungen vorgestellt, sondern diese auch kritisch hinterfragt: Wohnraumsprinkler, Rauchschutz-Druckanlagen, Aufzüge, Krankenhaus-sanierung im Betrieb. Ein umfassender Sachstandsbericht zur Diskussion um das Brandschutzrisiko von Wärmedämm-verbundsystemen trug sicherlich zur Versachlichung der aktuellen Fach- diskussion bei. Besonders für die Fachleute der TGA war ein deutsch-schweizerischer Co-Vortrag interessant, der Handlungsempfehlungen zur Durchführung von Vollprobetests und Wirkprinzipprüfungen sicherheitstechnischer Anlagen thematisierte.

Und einen interessanten Blick über den eigenen fachlichen Tellerrand boten die Vorträge über Brandschutz in Offshore-Windparks und in schutz- und sicher- heitsrelevanten Laboratorien.
800 Jahre Entwicklung des Brand- schutzrechtes, ein Blick auf alte und neue Regelungen für Industriebauten – ganz ohne (N)ostalgie – und ein kölscher Exkurs über die anstehende Novellierung der MLüAR fesselten am zweiten Veran- staltungstag die Zuhörer auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Festzuhalten bleibt:
Et bliev nix wie et wor oder Sei offen für Neues!

Natürlich fand der Wissens- und Erfahrungsaustausch nicht nur bei den durchweg interessanten Vorträgen, sondern auch in der tagungsbegleitenden Fachausstellung statt, in der
74 Aussteller
neue Trends, Produkte und Dienstleistungen präsentierten. Zahlreiche Möglichkeiten dafür boten sich in der in diesem Jahr noch einmal deutlich erweiterten, umgestalteten Ausstellung.

Eine stimmungsvolle und gesprächsreiche Abendveranstaltung im Sophienkeller rundete den ersten Veranstaltungstag ab. Alle 360 Plätze der festliche geschmückten Räumen des Gewölberestaurants waren mit Brandschützern dicht besetzt, die in lockerer Runde nicht nur die Spezialitäten der Kurfürstentafel genossen, sondern auch den Auftritt August des Starken und die Verkostung der Coselträne verfolgten.

 

Tagung und Fachbeiträge im Detail

Nichts ist so beständig wie der Wandel – lautete eine Fragestellung des ersten Tages der 15. EIPOS-Sachverständigentage Brandschutz“.

Industriebauten im Bestand – Ein alter Hut? – so der Titel des Eröffnungsvortrages der „16. EIPOS-Sachverständigentage Brandschutz“. Prof. Dr.-Ing. Gerd Geburtig, Architekt, Prüfingenieur für Brandschutz und Professor an der Bauhausuniversität in Weimar stellte alte und neue Regeln für den Industriebau vor, beleuchtete die dahinterstehenden Denkweisen und Spielregeln insbesondere auch im Zusammenhang mit den Bewertungen von Bestandsgebäuden. Der Anwendung ingenieurgemäßer Nachweise bei Abweichungen wird künftig anstelle der Verfahren nach Abschnitt 6 und 7 eine größere Bedeutung zukommen. 2016 wird hierzu auch die neue DIN 18009-1 für mehr Klarheit sorgen. Unabhängig davon meint Prof. Geburtig: Der Planer muss alte und neue Regeln stets kritisch hinterfragen. Der Bauherr darf eine brandschutztechnische und baukosten- relevante Optimierung bei sachverständiger Risikobewertung erwarten.

Der folgende Beitrag fasste die Entwicklungen und Diskussionen der letzten Jahre bei Fassaden mit Polystyroldämmstoffen zusammen. Dipl.-Ing. (FH) Benjamin Breuckelmann, Brandschutzingenieur bei Bureau Veritas Construction Services in Hamburg, analysierte dazu Brandereignisse, die mediale Berichterstattung, die Untersuchungen der Feuerwehren und des DIBt. Fassaden dürfen brennbar sein, das ist bauordnungsrechtlich zulässig, so Breuckelmann. Die konstruktiven Anpassungen zur Verbesserung des Brandverhaltens von Wärmedämmverbundsystemen sind umfangreich und bedeuten einen erhöhten Aufwand bei Planung und Montage. Ausgaben und Nutzen sollten auch in diesem Fall in einem vernünftigen Verhältnis stehen.

 



Der Co-Vortrag von Dipl.-Ing. Achim Ernst von der Gruner AG in Basel und Dipl.-Ing. Frank Lucka Prüfsachverständiger für sicherheitstechnische Anlagen aus Prenzlau stellte eine neue Handlungsempfehlung zur Durchführung von bauordnungsrechtlich erforderlichen Wirkprinzipprüfungen und privatrechtlichen Vollprobetests von Gebäudetechniksystemen vor. Sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland wurden seit 2014 in engem Austausch zwischen den Fachexperten beider Länder entsprechende Richtlinien erarbeitet. Sie sollen Hinweise und Anregungen für die Planung und Ausführung der in der Vergangenheit häufig vernachlässigten und damit oft ineffizienten wiederkehrenden Prüfungen geben. Denn: die Anforderungen an die Qualitätssicherung allgemein und im Besonderen für Brandfallsteuerungen werden zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Wie schutzzielorientierte Brandschutzmaßnahmen und wirtschaftliche Tragfähigkeit in einer Brandschutzsanierung bei laufendem Krankenhausbetrieb umgesetzt werden können, dazu sprach Dr.-Ing. Lutz Fischer aus Weimar. Sein Fazit: konventionelle bauliche Maßnahmen, wie Abschottung, bauliche Abtrennung und Bauteilertüchtigung in Kombination mit betrieblichen Maßnahmen und branchenübergeifendem Denken bei den Bau Beteiligten bewirken deutliche Kostenreduzierungen. Allein mit komplexen anlagentechnischen Systemen ist dies in derartigen Bestandsgebäuden seiner Meinung nach nicht möglich.

Zweckorientierte und kostengünstige Sprinkleranlagen für Wohnräume in Alten- und Pflegeheimen stellte Dr.-Ing. Reinhold Herbst, Fachreferent Sprinkler beim bvfa Würzburg, vor. Trotz frühzeitiger Branderkennung und Alarmierung ist die Evakuierung oft ein Wettlauf mit der Zeit. Eine anlagentechnische Lösung mit selbsttätigen Löschanlagen – so wie auch eine Richtlinie in NRW bereits empfiehlt – scheint hier eine mögliche Lösung zu sein. Die Zusatzkosten (Investition, Wartung und Instandhaltung, Betrieb) für eine Sprinkleranlage in einem Pflegeheim beziffert Dr. Herbst mit 0,32 € je Bewohner und Tag – im Verhältnis zum täglichen Heimentgelt fast vernachlässigbar.

Für Offshore- Windkraftanlagen sind aufgrund von besonderer Brandlasten und Brandgefährdungen Brandschutz- und Explosionsschutzkonzepte gefordert, für die es jedoch kein deutsches Grundregelwerk gibt. Die exponierte Lage und Baukonstruktion erfordert besondere anlagentechnische Maßnahmen mit hoher Verfügbarkeit und längeren Wartungsintervallen. Aber auch die Evakuierung der anwesenden Personen erfordert besondere bauliche und organisatorische Maßnahmen. Michael Juch, Prokurist bei Hahn Consult Hamburg, stellte in dem sehr interessanten Vortrag, seine mehr als 5jährige Projektleitererfahrung in der Objektüberwachung Brandschutz bei solchen Spezialprojekten vor. Erkenntnis: Auch Brandschützer müssen ein spezielles Training, z.B. im Umgang mit Rettungsinseln, absolvieren, um auf Offshore-Plattformen tätig sein zu können

Brandschutzgesetze gehören zu den ältesten Sicherheitsgesetzen, sie sind Teil der öffentlichen Ordnung und Sicherheit und dennoch unpolitisch und konkurrenzlos, so die Erkenntnisse, die Dr.-Ing. Sylvia Heilmann in ihrem Eröffnungsvortrag des 2. Veranstaltungstages darlegt. Sehr anschaulich erörterte sie: Was bedeutet das für uns heute? Kann man sicherheitsrelevante Gesetze abschaffen ohne Risikoerhöhung? Nein, denn Brandsicherheit ist ein über Jahrhunderte teuer erkauftes Gut. Die Zahl der Brandtoten „von heute“ trägt dem festgelegten Schutzumfang „von gestern“ Rechnung.

 Aufzug im Brandfall bitte benutzen! so der etwas provokante Titel des Vortrages von Dipl.-Ing. Andreas Flock, in dem er einen Rettungsaufzug  insbesondere für bestehende Hochhäuser zur Diskussion stellt. Insbesondere unter dem Aspekt der barrierefreien Nutzung öffentlicher Gebäude kann ein Rettungsaufzug als Evakuierungsaufzug mit gezielten Erweiterungen einen vollwertigen zweiten Rettungsweg neben dem Treppenraum darstellen. Die notwendigen Konzepte, Ausstattungen und Kennzeichnungen erläuterte Herr Flock sehr durchdacht und begründet.

 


Zum derzeitigen Stand der Novellierung der MLüAR 2005 referierten Ministerialrat Dipl.-Ing. Knut Czepuck, Oberste Bauaufsicht Nordrhein-Westfalen und Dipl.-Ing. Peter Vogelsang, Prüfsachverständiger für sicherheitstechnische Anlagen Köln. Anhand des Kölschen Grundgesetztes mit 11 Artikeln stellten beide Referenten sehr anschaulich und stets mit einem kleinen Augenzwinkern die Hintergründe und wichtigsten Änderungen der Richtlinie dar. Neu und besonders praxisrelevant sind die Regelungen zur Wohnungslüftung, die im Abschnitt 7 neu aufgenommen wurden. Beide Referenten sind sich einig: Die Änderungen der MLüAR dienen der Klarstellung wegen häufiger Nichtbeachtung der Bestimmungen der Verwendbarkeitsnachweise und der technischen Baubestimmungen. Die derzeit noch vorhandenen Probleme der Abstimmung von „europäischen Bauprodukten“ aufeinander können nicht in der MLüAR gelöst werden. „Der GMV – Gesunder Menschen Verstand – muss auch mit der neuen MLüAR angewendet werden.“ so das Schlusswort von Czepuck und Vogelsang.

Rauchschutz-Druckanlagen sind heute Standard in jedem Hochhaus, leider aber oft fehlerhaft geplant oder unseriös terminlich umgesetzt. Mit den wichtigsten Eckpunkten einer sorgfältigen Planung und Ausführung und den notwendigen Schnitt- stellenabstimmungen zwischen den Beteiligten setzte sich in seinem Vortrag Dipl.-Ing. Lutz Eichelberger auseinander. Er machte auf typische Fehler aufmerk- sam: zu klein dimensionierte Abström- wege, ungeeignete Türen und Türschließer, ungeeignete Regelkomponenten, Nicht- berücksichtigung von Treppenraumwider-ständen, formelle Hürden. Viele Fehler sind jedoch vermeidbar und nicht immer muss eine RDA aufwändig und komplex sein. „Keep it simple!“ so die Empfehlung des Experten, der u.a. Mitglied des Deutschen Normenausschusses und Vorsitzender der
                                                                             AGE Aktionsgemeinschaft Entrauchung ist.

Besondere Gefahrensituationen in gentech- nischen und biologischen Laboren erfordern besondere brandschutztech- nische Maßnahmen. Zu den Themen Containment, Verglasungen, Sicherheits- schleusen, Lüftung und Rauchableitung aus solchen Laboratorien referierte zum Abschluss der Tagung Dipl.-Ing. Thomas Koch, öbuv Sachverständiger für vorbeu- genden Brandschutz und Experte für Labortechnik aus Berlin. Für S3 und S4 Labore sind Hochdruckwassernebellöschanlagen besonders geeignet, um bei sehr guter Löschwirkung, Rauchgasbindung und Verträglichkeit für sensible elektrische Geräte wirtschaftliche und sichere Ergebnisse zu erzielen. Unabdingbar sind jedoch auch spezielle organisatorische Konzepte, u.a. in Bezug auf Notfallpläne und Alarmübungen.