Ist unsere Rettungswegbetrachtung noch zeitgemäß? Dieser Frage ging Ltd BD Dipl.-Ing. Reimund Roß im Eröffnungsvortrag nach. Neue Erkenntnisse über Ursachen und Auswirkungen von Bränden sowie das Verhalten von Personengruppen müssen bei der Beurteilung der Rettungswege berücksichtigt werden. Er stellte neue Konzepte wie den „Sicherheitstreppenraum light“ und neue Hilfsmittel zur Entscheidungsfindung wie den „Rettungsratenrechner“ vor und empfahl sämtliche Ret-tungswegregelungen aus der MBO und den Musterverordnungen/-richtlinien herauszunehmen und in einer Muster-Rettungswege-Verordnung neu zu bündeln. Ein entsprechender Vorschlag wird in der nächsten Sitzung der ARGE BAU eingebracht.

Dipl.-Wirt.-Ing. (FH), Daniel Anwander MEng betrachtete das Spannungsfeld Arbeits- und Brandschutz genauer. Unterschiedliche Rechtsformen und unklare Behandlungen im Genehmigungsverfahren führen in der Praxis immer wieder zu Diskussionen. Am Beispiel der Aufschlagrichtung der Not-ausgangstür stellte Herr Anwander dieses Problem sehr anschaulich dar. Seiner Meinung muss sich der Brandschutzplaner auch mit den Anforderungen des Arbeitsstättenrechts auseinander setzen und den Bauherrn auf mögliche Konfliktpunkte hinweisen. Eine ganzheitliche Planung erfordert daher einen Brandschutznachweis für das Baugenehmigungsverfahren und eine Gefährdungsbeurteilung für den Arbeitsschutz.

Hintergründe und Schwerpunkte der Änderungen der neuen Muster-Leitungsanlagen-Richtlinie 2016 beleuchtete das Co-Referat von Dipl.-Ing. Knut Czepuck und Dipl.-Ing. Manfred Lippe. Die Themen neue Abstandsregelungen und veränderte Begrifflichkeiten stießen beim Auditorium auf besonderes Interesse. Wichtiger Tenor war, dass sich das Anforderungsniveau nicht verschärft hat, sondern das Gesamtsystem für die Praxis nun deutlich transparenter geregelt und dargestellt wird. Vor dem Hintergrund der laufenden Europäisierung ist zu erwarten, dass in den nächsten Jahren alle Regelungen auf weiteren Aktualisierungsbedarf geprüft und möglicherweise in einer einheitlichen Richtlinie aus MLAR, MLüAR und Technische Regel TGA neu strukturiert werden.

Dipl.-Ing. (FH) Andrej Kowalew stellte im nachfolgenden Vortrag auf Schwerpunkte bei der Bauüberwachung von Schottungen ab, die in der Praxis von allen Beteiligten ein hohes Maß an fachlicher Kompetenz, Verantwortungsbewusstsein und auch Fleiß abverlangen. Der bauüberwachende Sachverständige muss bei der Bauausführung neben Ausführung von Leitungsanlagen auch insbe-sondere raumabschließende Bauteile kontrollieren und über umfassende Kenntnisse zum gewählten Schottsystem verfügen. Abweichungen sind dabei an der Tagesordnung. Herr Kowalew vertrat dazu den Standpunkt, dass der abnehmende Sachverständige hier über keinerlei Ermessensspielräume verfügt. Nicht wesentliche Abweichungen kann nur der Hersteller bescheinigen. Dem abnehmenden Sachverständigen kommt hier lediglich die Funktion eines Überprüfers zuteil.

Ein für Dresden ganz aktuelles Kulturbauprojekt stellte Dipl.-Ing. Burkhart Borchert in seinem Vortrag unter dem Titel „Theater ohne Ende – Brandschutz für das neue Kulturkraftwerk Mitte“ vor. Die Herausforderung dieses neuen Projekts bestand darin, aus einem Industrieareal ein modernes Kulturareal mit mehreren Bühnen und Theatern zu schaffen. Es galt angemessene Brandschutz- und Sicherheitslösungen zu finden, im Kostenrahmen zu bleiben und einen engen Terminplan einzuhalten. Für die Brandschutzplanung hieß dies, besondere Betrachtungen zur Rauchableitung, zur Sicher-heitsstromversorgung und zu Regelungen der Evakuierung anzustellen. Eine Schutzzieldiskussion ist schwieriger als das Bauen nach einheitlichen Vorgaben und dem genauen Wortlaut des Gesetzes. Es verlangt Diskussionen, Kontrolle und muss im gegenseitigen Miteinander entsprechend geklärt werden. Die Projektpartner waren bemüht, dass bei diesem Projekt kein „Theater ohne Ende“ entsteht.
 

Fernöstlich war der Abschlussvortrag des ersten Veranstaltungstages von Dipl.-Ing. Karl-Olaf-Kaiser geprägt. Er stellte allgemeine Informationen und Potentiale für das Bauen in China vor, erläuterte gesetzliche Grundlagen und wichtige Institutionen. Grundlage für den Vortrag war u.a. die EIPOS-Studienreise 2016 nach Shanghai, die vielfältige Einblicke in dortige wirtschaftliche und politische Verhältnisse sowie das Bauwesen und den Brandschutz bot. „Die wahnsinnige Geschwindigkeit bei der Umsetzung von Infrastruktur und Baumaßnahmen zeigt,  dass in anderen Teilen der Welt deutlich dynamischer mit Herausforderungen des Planungsrechts umgegangen wird.“ – so Karl-Olaf Kaiser.

Der zweite Veranstaltungstag startete pünktlich 9 Uhr mit dem Vortrag von Dipl.-Phys. Jürgen Pennings zu dem brandaktuellen Thema der modifizierten bauaufsichtlichen Nachweisverfahren für Bauprodukte. Um die seit diesem Herbst geltenden neuen Regelwerke MBO und MVV-TB besser zu verstehen, stellte Herr Pennings zunächst ausführlich die Entwicklung und die bisherige Praxis der bauaufsichtlichen Nachweise dar und ging auf das Erfordernis der Änderung und die zu bewältigenden Schwierigkeiten ein. Was ist jedoch konkret neu? Neben den bisherigen drei Möglichkeiten der nationalen Nachweise für nicht geregelte Bauprodukte gibt es künftig die allgemeine bzw. die vorhabenbezogene Bauartgenehmigung. Bauarten, die von bestehenden Nachweisen wesentlich abweichen, bedürfen einer vorhabenbezogenen Bauartgenehmigung. Die Bestätigung der Übereinstimmung ist im jeweiligen Ver-/Anwendbarkeitsnachweis der Bauprodukte und Bauarten geregelt.

Wie leistungsfähig sind bestehende Feuerschutztüren? Wie haben sich die Normen zur Klassifikation entwickelt? Wie kann man heute abweichende Situationen in Bestandsgebäuden bewerten? Diese Fragen beleuchtete Prof. Dr.-Ing. Gerd Geburtig in seinem sehr anschaulichen Vortrag und hielt gleichzeitig ein „flammendes“ Plädoyer für Brandschutztüren mit Drahtverglasung, die in den 1960er Jahren häufig eingebaut wurden und bis heute in vielen Bestandsbauten wirksam funktionieren. Egal, ob eisenbeschlagene Holztür oder Feuerschutztür nach TGL bzw. DIN im Planungsprozess, ist präzise darauf zu achten, welche Klassifikation den Öffnungsverschlüssen zuerkannt wird. Eine „Nachklassifikation“ ist i.d.R. mit nachträglichen Brandversuchen nachzuweisen. Ein kleiner Exkurs zu modernen Rauch- und Feuerschutzvorhängen, die heute den Spielraum für angemessene Brandschutzlösungen erweitern, rundete den Vortrag eindrucksvoll ab.

Was zum Teufel ist eine Hausalarmanlage? Da dieser Begriff in der Bauordnung und in den Sonderbauvorschriften nicht verwendet wird, herrscht in der Praxis häufig Unklarheit darüber, welche Anforderungen gelten und welche technischen Regelwerke herangezogen werden müssen. Aus der Sicht des Prüfsachverständigen für sicherheitstechnische Anlagen stellte Dipl.-Ing. Gero Gerber sehr anschaulich dar, welche Festlegungen Brandschutzfachplaner für Sonderbauten, die keiner umfassenden Brandmeldeanlage nach DIN 14 675 bedürfen, im Konzept bereits treffen müssen. Mit Augenmaß und gesundem Ingenieurverstand sollten wirksame und wirtschaftliche Alarmierungsanlagen in Sonderbauten die derzeitige Praxis verbessern – so das Fazit des Vortrages.

Trends im Bereich von Wasserlöschanlagen stellte im anschließenden Vortrag Dipl.-Ing. Jörg Wilms-Vahrenhorst vor. Besonders die Feinsprühtechnik bzw. Wassernebeltechnologie und die Entwicklung von ESFR-/Lagersprinklern stand in den vergangenen Jahren im Fokus. Besonders im europäischen Markt wird für die am häufigsten eingesetzten Sprinkleranlagen neben FM, NFPA und VdS künftig die europäische Norm eine größere Rolle spielen. Unter der Voraussetzung, dass diese Norm in allen Ländern Europas einheitlich veröffentlicht und verwendet wird, ein enormer Vorteil – eine Norm für eine Technik!

Schnittstellen, Vorteile und Mehrwerte, Problemlagen und Herausforderungen mit BIM im Projektalltag erläuterte im Abschlussvortrag der Tagung Dr.-Ing-. Peter Vogel, der bereits seit mehreren Jahren aktiv Entwicklungen nicht nur im eigenen Ingenieurbüro vorantreibt, sondern sich national und international engagiert. Building Information Modeling (BIM) ist die zeitgemäße Arbeitsmethode für das Planen, Erstellen und Betreiben von Bauwerken und basiert auf der aktiven offenen Vernetzung aller Beteiligten über den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks. Für den Brandschutz ergeben sich vielfältige Möglichkeiten der Verknüpfung aller Planungsbeteiligten, die über die bisherige reine Visualisierung weit hinausgehen wird. Eine einheitliche digitale Datenbasis und eine vernetzte Bearbeitung wird bereits in naher Zukunft in allen Bauprojekten – egal ob einfachere Gebäudestrukturen wie Schulen oder  komplexen Bauvorhaben wir Flughäfen oder Bahnhöfen vorausgesetzt. Die notwendigen Arbeitsschritte und Hilfsmittel müssen jedoch jetzt federführend von den Fachleuten gemeinsam mit der Softwareindustrie entwickelt werden.